Herzlich willkommen auf dem Schülerblog

Hey Leute,

hier ist das Team der Schülerzeitung vom FSG Großröhrsdorf. Wir sind zur Zeit eine Gruppe aus fünf Leuten und wollen hier Berichte rund um Schule und Berufswahl, aber auch Interviews und Reportagen veröffentlichen.
Wenn du interessiert bist, unserer Gruppe beizutreten und selbst einen Artikel über ein spannendes Thema schreiben möchtest, komm doch einfach mal vorbei.

Du findest uns fast jeden Dienstag ab 14:10 im Aquarium oder du gehst auf Herrn Schinke zu. Er wird dir sicher weiterhelfen. Wir sind außerdem immer offen für Verbesserungsvorschläge und Kritik. Wie du bestimmt schon gemerkt hast, hat unser Blog noch keinen richtigen Namen, daher kannst du demnächst auf der Instagramseite unserer Schule an einer Abstimmung teilnehmen.

Wir hoffen, dass wir euer Interesse geweckt haben und in Zukunft auf euch zählen können.

Euer Schülerblogteam

Emely, Leoni, Franziska, Helene und Arthur

Arschloch! Pommes! Bombe! Ball!

 

So ziemlich jeder von euch, der sich die Zeit zwischen Lernen und Schlafen in den letzten Monaten auf YouTube, Instagram und co. vertrieben hat, dürfte über Giselas eher spezielle Art, sich mitzuteilen, gestolpert sein. Gisela ist das Tourette von Jan Zimmermann.

Gemeinsam mit seinem Freund Tim Lehmann betreibt Jan den YouTube-Kanal „Gewitter im Kopf – Leben mit Tourette“ und nimmt die Social-Media-Welt im Eiltempo ein. Seit dem ersten Upload im Februar 2019 konnten die beiden bereits über 1,5 Millionen Abonnenten für ihren Kanal begeistern.

Ihr Konzept ist simpel. Die beiden drehen Videos, die von Interviews mit Ärzten und Therapeuten über FAQs bis hin zu Challenges handeln. Alles unter einer Bedingung – keiner verstellt sich für’s Internet. In jedem Video wird deutlich, wie sich Jans Tourette ausprägt. Nichts geschönt, nichts gestellt – zumindest laut den Betreibern. „Unser Ziel war und ist es auch, Leuten die Berührungsängste zu nehmen und Tourette als Thema für sie greifbarer zu machen.“, schreibt Jan in einer E-Mail an uns. Und das ist wichtig, wenn man bedenkt, wie wenig wir eigentlich über das Tourette-Syndrom wissen.

 

Das Tourette-Syndrom (TS) ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts von Georges Gilles de la Tourette entdeckt wurde. Sie äußert sich in Tics, also in spontanen Bewegungen, Lauten oder Wortäußerungen. Vergleichbar ist das Ganze mit dem Niesen oder einem Schluckauf; man kann nicht steuern, wann man diese Tics bekommt und sie auch nicht unterdrücken.

Die Krankheit tritt im Kindes- und Jugendalter auf und schwächt oft vor dem Erwachsenwerden wieder ab. Die Wenigsten sind – wie in Jans Fall – auch als Erwachsene noch vom Tourette-Syndrom betroffen. So richtig erforscht ist Tourette noch nicht. Man nimmt an, dass das Syndrom genetisch veranlagt ist. Das heißt, dass bei Kindern, deren Eltern vom TS betroffen sind, ein zehn- bis hundertmal höheres Tourette-Risiko besteht, als bei Kindern ohne TS in der Verwandtschaft. Für die Ausprägung des Syndroms sorgen zusätzlich verschiedene Faktoren in der Schwangerschaft. Diese Faktoren sorgen letztendlich für eine Störung im Botenstoffwechsel des Gehirns und die sorgt wiederum für eine gestörte Steuerung des Handelns.

Betroffen vom Tourette-Syndrom sind ca. 500 000 bis 800 000 Menschen in Deutschland. Nur ein kleiner Teil hat dabei die Ausprägung der Koprolalie, die, wie in Jans Fall, dafür sorgt, dass die Betroffenen (Schimpf)Wörter rufen.

 

So wichtig die Aufklärung über das Tourette-Syndrom auch ist, Jan und Tim müssen sich reihenweise Kritik stellen. Viele verstehen nicht, was die beiden da machen, behaupten, Jan sei ein Schaupieler und Gisela und die Tics nur ausgedacht. Ihren Standpunkt begründen die „Gewitter-Gegner“ damit, dass Giselas Ausrufe zu angepasst an die Situation seien. Normalerweise würden willkürliche Wörter gerufen werden, keine ganzen Sätze, die zusätzlich auch noch so gut zu dem passen, was gerade passiert. Dazu erklärt Jan uns in seiner E-Mail, dass seine Tourette-Diagnose in den Tourette-Ambulanzen der Medizinischen Hochschule Hannover und der Uniklinik Köln, wie auch von zwei Psychiatern und einer Neurologin in seinem Wohnort bestätigt worden sei. Eine Ärztin, die ihn behandelt, unterstütze das YouTube Projekt sogar. „Fremde Ärzte, die vermeintliche Diagnosen über das Internet stellen und mir unterstellen, ich würde nicht am Tourette-Syndrom leiden, halte ich von vorn bis hinten unprofessionell. Das ist obendrein auch rufschädigend und sicherlich nicht legal.“

Jan drückt eine klare Abneigung gegenüber den Anfeindungen aus.

 

Verletzend ist die Kritik aus den YouTube-Kommentaren aber kaum. Zumindest nicht so sehr, wie die aus den eigenen Reihen. Jan erzählt uns von anderen Betroffenen, die ebenfalls in der Öffentlichkeit stehen: „Auch diese Personen haben ebenfalls ausgerechnet aus den eigenen Reihen sehr viel negative Kritik bekommen, einer von ihnen sagte mir, dass da leider oft Neid aus den Leuten spricht, was innerhalb einer Community, also der Tourette Community, eigentlich sogar sehr schade ist. Man hätte gemeinschaftlich vermutlich noch ganz andere Dinge erreichen können.“

 

Gegen diese Gemeinschaft, wie sie Jan beschreibt, stellt sich unter anderem die Tourette Gesellschaft Deutschland e.V.. Ihre Ansichten in Sachen Öffentlichkeitsarbeit unterscheiden sich sehr von denen von „Gewitter im Kopf“. Ein humorvoller, extrem lockerer Umgang mit Tourette trifft auf einen konservativen, diskreten. Jegliche Einigungsversuche beiderseits blieben bisher ohne nennenswerte Ergebnisse. Unsere Großeltern würden das Debakel als „sinnloses Theater“ bezeichnen. In einer von der Tourette Gesellschaft veröffentlichten Umfrage  bewerten bis zu 40% der Befragten die Aufklärung über Tourette und das „Konstrukt“ Gisela als gar nicht hilfreich und besonders negativ. Ein Viertel der Teilnehmer spüre persönlich, dass sich der Kanal negativ auf sie auswirkt. Die Zuschauer, unter denen sich im Fall „Gewitter im Kopf“ besonders viele junge Jugendliche befinden, würden die Betroffenen häufiger auslachen, nachäffen und ihre Diagnose in Frage stellen, als zuvor. Dies verängstige viele Betroffene und Familien hinsichtlich des zukünftig zu erwartenden Krankheitsverlaufs.

Jan sagt dazu: „Ich hatte mit der Tourette Gesellschaft bereits ein Telefonat, in dem mir auch die Sorgen geäußert wurden, dass manche das Krankheitsbild ins Lächerliche ziehen könnten, weil ich eben öffentlich über meine Tics lache. Aber was soll ich denn sonst tun? Darüber weinen?“

 

Nein Jan, das solltest du nicht. Denn genau dann, wenn sich Leute über eine Krankheit lustig machen, werden klare Grenzen überschritten – nicht von euch, sondern von uns. Egal, ob man von der Aufklärungsarbeit der Jungs überzeugt ist, oder eben nicht; jeder von uns sollte in der Lage sein, die Betroffenen nicht nachzuäffen, zu beleidigen oder auszugrenzen und etwas dagegen zu unternehmen. Tourette-Betroffene (und auch alle anderen, die unter einer Krankheit leiden) sind keine emotionslosen Kunstfiguren. Sie haben Gefühle.

Unsere Pflicht ist es, uns mit den Betroffenen auseinanderzusetzen und zu verstehen, was Tourette eigentlich ist. Laut „Pommes“ über den Schulhof zu rufen, wie ich es in den letzten Monaten auch bei uns immer mal wieder mitbekommen habe, ist dabei nicht ansatzweise vertretbar.

Und jeder, der nicht möchte, dass er von der „älteren Generation“ sorglos als „die Jugend von heute“ abgetan wird, sollte sich schleunigst dafür einsetzen, mit gutem Beispiel voranzugehen und nicht selbst irgendwen als irgendwas abstempeln.