Im Schulalltag ist es nicht selbstverständlich, dass 50 Zehntklässler zwei Schulstunden am Stück gebannt lauschen und konzentriert bei der Sache sind. Dabei fällt dann auch kaum ins Gewicht, dass es für zwei oder drei Schüler nicht ganz reichte mit der durchgehenden Konzentration. Auf jeden Fall war es ein ganz besonderes Erlebnis, welches unsere Schüler so fesselte. Meist hätte man die berühmte fallende Stecknadel hören können.

Wir durften Frau Michaela Vidláková am 28.11.2017 bei uns am FSG in der Aula begrüßen. Es handelt sich um eine rüstige Dame von 81 Jahren, welche eigens aus Prag angereist war. Frau Vidláková beeindruckte ob ihres couragierten Auftretens und ihrer Persönlichkeit. Ebenso sprach sie ein vorzügliches nahezu druckreifes Deutsch, immerhin nicht ihre Muttersprache. Allerdings hat es mit dieser Sprache für sie doch eine besondere Bewandtnis, handelt es sich doch um die Sprache der Täter, welche ihr verständlicherweise nach den schrecklichen persönlichen Erlebnissen zunächst nicht immer leicht fiel.

Frau Vidláková wurde in einer jüdischen Familie geboren und hat die Schrecken der Shoah (auch Shoa oder Holocaust) am eigenen Leibe erleben müssen. Sie und ihre Eltern haben durch viele glückliche Wendungen und Zufälle überlebt. Anschaulich schilderte sie uns die Härten, Schikanen, Bedrückungen, welche sie als Juden in der Zeit der deutschen Okkupation ausgesetzt waren. Theresienstadt haben sie und ihre Eltern durch schicksalhafte günstige Wendungen überlebt, selbst in letzter Sekunde einem Transport nach Auschwitz entkommend, den sicheren Gas-Tod vor Augen.

Sehr nahe ging uns allen auch die Tatsache, dass Michaela Vidlákovás Mutter als Lehrerin, zuletzt in einer jüdischen Schule, bis auf eine einzige Ausnahme, alle Schülerinnen ihrer Klasse binnen eines Jahres betrauern musste. Bis auf diese eine Schülerin sind alle ihrer Schüler ermordet worden. Das letzte Klassenfoto, auf welchem noch alle hoffnungsvoll versammelt waren, bekam somit einen sehr tieftraurigen Hintergrund.

Frau Michaela Vidláková hat uns deutlich gesagt, dass wir selbstverständlich keine Schuld trügen und nicht für dieses düstere Kapitel der deutschen Geschichte verantwortlich wären. Verantwortlich seien wir aber, dass dies nicht in Vergessenheit gerate. Oder wie es der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer eindringlich formulierte: Ihr seid nicht schuld an dem, was war, aber verantwortlich dafür, dass es nicht mehr geschieht.“ Ich glaube, hoffen zu dürfen, dass unser Gast den versammelten Schülern aus den Herzen sprach. Man konnte viele beeindruckte, nachdenkliche und ernsthafte junge Menschen erleben. Frau Michaela Vidláková hat uns tief berührt. Wir wünschen und hoffen, dass sie noch möglichst oft, möglichst viele junge Menschen erreichen kann. Ihre Geschichte hat uns auch, ob der Tatsache bewegt, dass es bei uns wieder Menschen gibt, welche Rassismus, Antisemitismus und nationalistisches Gedankengut für eine lebbare Alternative halten. Wehret den Anfängen! Keine Toleranz der Intoleranz! Wir dürfen nicht schweigen, wir dürfen nicht wegsehen, wir dürfen nicht passiv bleiben, wenn Menschen bedroht und gefährdet werden.

Danke Frau Michaela Vidláková! Wir werden sie nicht vergessen. Das waren zwei ganz besondere Schulstunden, die wir in unseren Herzen bewahren wollen. Vielen lieben herzlichen Dank!

B. Mönch (Dezember 2017)