Methodenkompendium: Demokratieerziehung an Schulen
Teil 2: Ansätze für soziales Lernen

Ansatz 2: Projekte zum handlungsorientierten Lernen – Nachnutzungsangebote

zum Start der Ansätze für soziales Lernen
Projekttage zu Themen des globalen und sozialen Lernens
Projekte zum handlungsorientierten Lernen
So ein Theater mit der Demokratie - Forumtheater
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Projekte zum handlungsorientierten Lernen

Handlungsorientiertes Lernen mit Hilfe von erlebnispädagogischen Lernarrangements

Erlebnispädagogik als komplexes Lernarrangement eröffnet eine Spannbreite von Lernmöglichkeiten insbesondere für Kinder und Jugendliche. Naturwahrnehmungen und Körpererfahrungen sind genauso gefragt wie Grenzerfahrungen und Herausforderungen.

Der Erfahrungsraum Natur ist besonders geeignet, neue Handlungsfelder und Wahlmöglichkeiten zu erschließen, indem die Teilnehmer ihr Verhalten mit Unterstützung der Gruppe reflektieren und bewerten sowie neue Ziele definieren. Uns geht es nicht darum, die Menschen zu konditionieren oder zu verändern, wir versuchen nicht, alte Verhaltensweisen zu unterbinden. Respekt vor der individuellen Entscheidungsfreiheit prägt das Konzept.

Erkennbar wird hier unsere Nähe zu „Projekt Adventure“, einer Gruppe, welche sich vor etwa 30 Jahren von Outward Bound U.S.A. abspaltete, um Kurzzeitprojekte für Schulen zu entwickeln. Der Erlebnispädagogische Kurs als Abenteuer erlaubte es, hier auch in einer kürzeren Sequenz tiefergehende Erfahrungen zu vermitteln und im Wechsel aus Aktion und Reflexion wesentliche Elemente für ein effektives Team herauszuarbeiten und explizit zu fördern.

In der Planungsphase stützten wir uns auf das Lernmodell von Projekt Adventure und arbeiteten als Vorbedingung die Notwendigkeit für das gemeinsame Lernen heraus. Erste Vorbedingung für das Lernen ist nach Projekt Adventure ein gewisses Maß an Unzufriedenheit, Problembewusstsein, Verwirrung oder Chaos.

Sorgfältig vorbereitete, aktivierende Aufgabenstellungen sollten hier eine Möglichkeit schaffen, die Teilnehmer an Grenzen ihres gewohnten Handlungsspielraumes zu führen.

Durch vermittelte Sicherheit sollten die Jugendlichen es wagen, einen Schritt aus ihrer Komfortzone hinaus zu gehen und sich auf ungewohntes Terrain zu wagen.

Aufgaben als Herausforderung für die Teilnehmer, als Chance neue Wege zu gehen und neue Methoden des Miteinander zu erproben, waren also Bedingung für eine erfolgreiche Verwirklichung unseres Konzeptes.

Als zweite Vorbedingung für erfolgreiches Lernen sahen wir eine gemeinsame Vision. Hier sahen wir uns gefordert, Orientierung zu geben und das Vertrauen ineinander und in den Veränderungsprozess zu stärken. Der Idealfall, also der Fall, in dem die Teilnehmer ihre Ziele selbst formulieren und mit einer eigenen Vision in den Kurs hineingehen, war für uns auszuschließen. Unsere Klassen waren von starker Unsicherheit im Miteinander geprägt, die Schüler hatten bisher nur wenig Gelegenheit, sich als Gruppe zu erfahren.

Aufgrund dieser Ausgangslage bedienten wir das Feld „gemeinsame Vision“ durch ein Storryboard. Mit der metaphorischen Gründung eines eigenen Staates mit allen wichtigen Regeln und der notwendigen Symbolik schufen wir ein Hilfsmittel in der Orientierungsphase.

Das Lernklima war uns eine weitere bedeutende Vorbedingung für ein erfolgreiches Handlungslernen im Kursverlauf. In die Konzeptarbeit flossen Indikatoren für ein angenehmes Lernklima ein und wir räumten der Unterstützung eine wesentliche Bedeutung ein. Unterstützung hieß für uns nicht, den Teilnehmern Verantwortung abzunehmen, wohl aber ein von Sicherheit und Vertrauen geprägtes Umfeld zu schaffen.

Um das Lernklima positiv zu beeinflussen, behalfen wir uns folgender Faktoren:

Zielgruppenbeschreibung

Zielgruppe für die Projektkonzeption sind Schüler, welche gemeinsam einen neuen Abschnitt in der eigenen Entwicklung in Angriff nehmen. Hier zeigt sich das Konzept unserer Meinung nach am wirkungsvollsten, wenn mit einer Schulklasse und dem zugehörigen Klassenlehrer gearbeitet werden kann. Die Schüler müssen im Alltag Regeln befolgen und sich nach und nach auf die allgemeinen gesellschaftlichen Anforderungen zum Bestehen einer schulischen Ausbildung vorbereiten. Die Teilnehmer unserer Kurse weisen die unterschiedlichsten Biographien auf und sind folglich nicht gleichermaßen motiviert, miteinander zu agieren und gemeinsam zu lernen.

Methode

Die Rahmengeschichte (Storyboard) 

Ausgehend von der Zielgruppe und deren Zielvorstellungen, dem Zusammenführen dieser Gruppe und dem Entstehen eines Gruppengefühls, entwickelten wir eine Rahmengeschichte, die metaphorisch gesehen diese Situation des Gruppenfindungsprozesses deutlich machen sollte.

Wir wissen, dass das gemeinsame Absolvieren verschiedener aufeinander aufbauender Stationen mit einem bestimmten Ziel im Blick und das sich Hineinbegeben in eine Rahmenhandlung motivierender für eine Gruppe wirken, als nur eine Aneinanderreihung von zu lösenden Aufgaben. Aus diesem Erfahrungskontext heraus entstand das Konzept „Im Irgendwo vom Nirgendwo gründen wir unseren eigenen Staat!“.

Die Externalisierungsprozesse sind einfacher zu gestalten, wenn das Problem einen Namen bekommt oder aber – und das ist der Ansatz einer „Staatsgründung“ – wenn die Teilnehmer sich alle gemeinsam auf eine andere Ebene, also in die Rahmengeschichte, begeben.

Als für die Staatsgründung notwendige Aufgaben ergaben sich folgende:

Um einen Staat gründen zu können, braucht man Land auf dem dieser Staat entstehen kann. Um dieses erwerben zu können, benötigt man Geld.

Um einen Staat von anderen Staaten unterscheiden zu können, bedarf es eines Wahrzeichens. Weiterhin sind ein Name und eine Hymne für den Staat wichtig.

Um wissen zu können, ob der Staat mit den richtigen Verbündeten gegründet wird, sollte man vorher prüfen, ob alle Gründungsmitglieder einander vertrauen können.

Werden all diese Vorraussetzungen erfüllt, kann am Ende die rituelle Staatsgründung vollzogen werden.

Die Aufgaben für die Gruppe

Aufgabe: Einen Schatz heben, um genügend Kapital für den Landkauf zu haben.

Der Schatz befindet sich in einem nicht einsehbaren Behälter, in der Mitte eines nicht betretbaren Territoriums. Die möglichen Hilfsmittel für die Schatzbergung (Schatzheben) liegen jedoch in einem Säureteich und müssen zuerst geborgen werden. Dafür benötigt man jedoch Schutzhandschuhe, damit die Hände beim Bergen nicht verletzt werden. Pro zu bergendem Hilfsmittel benötigt man einen Handschuh. Diese Schutzhandschuhe wiederum befinden sich in einem magischen Kreis ( Niedrigseilelemente) an Bäumen befestigt und können nur erreicht werden, indem man sich über Seile bewegt. Dazu nimmt jeder an einem Baum auf dem Seil Platz. Die Seile sind innerhalb eines Kreises sternförmig an den Bäumen befestigt. Beim Berühren des Bodens müssen alle an ihren Ausgangspunkt zurück. Die Handschuhe sind nur mit gegenseitigem Helfen beim Balancieren über die Seile zu gewinnen.

Die Gruppe muss sich nun eine Strategie überlegen, wie sie den Schatz heben möchte, welche der im See befindlichen Hilfsmittel sie dafür benötigt und wie viele Handschuhe sie dafür auf den schwebenden Stern erobern sollte.

Aufgabe: Ein Wahrzeichen bauen

Dafür bekommt die Gruppe eine Kiste voll Werkzeug und der umliegende Wald steht zur Suche nach Naturmaterial zur Verfügung. Am Ende soll ein von der Gruppe kreiertes Symbol, Wappen o. Ä., plastisch vor uns stehen. Die hier angewandte Methode ist Land Art.

Aufgabe: Ein Name soll entstehen

Ein Name für einen Staat hat eine enorme Bedeutung, da er den Staat nach außen repräsentiert, solange der Staat existiert und sogar darüber hinaus. Deswegen kann so ein Name nicht einfach so erfunden werden, er muss aus der Aktion heraus, aus dem gemeinsamen Tun entstehen.

Die Gruppe erhält die Aufgabe, bei einer Abseilaktion den Namen zu bilden. Dafür seilt sich jeder einzeln an einer Übungsabseilstelle ab. Mittig am Felsen ist ein Transparent befestigt, auf welches der Erste einen Buchstaben schreibt und jeder weitere einen Buchstaben hinzufügt, sodass am Ende eine Reihe Buchstaben verfügbar sind. Mit Hilfe eines Brainstormings werden die Buchstaben sortiert und zum Namen des Staates entwickelt.

Aufgabe: Prüfen, ob sich die Gründungsmitglieder einander vertrauen können

Die Gruppe absolviert ein vorher vorbereitetes Niedrigseilelement (Hajos Mondfahrt) und testet so anhand verschiedener Herausforderungen, bei denen sich gegenseitig geholfen und gesichert werden muss, ob genügend Vertrauen für eine gemeinsame Staatsgründung innerhalb der Gruppe vorhanden ist.

Aufgabe: Eine Hymne dichten

Als abschließende Aufgabe soll die Gruppe nun in Paaren jeweils einen Vierzeiler dichten und diese vier Strophen dann gemeinsam in eine Hymne verwandeln, die bei der Staatsgründung dann von allen zusammen vorgetragen (gesungen, gerapt, getanzt, gesagt ...) wird.

Die rituelle Staatsgründung

Da eine Staatsgründung etwas Besonderes ist und nicht alle Tage vorkommt, verlangt sie auch einen entsprechenden Rahmen. Die Stationen der Staatsgründung, d. h., die einzelnen zu bewältigten Aufgaben werden noch einmal ins Gedächtnis gerufen, in Gedanken passiert. In einem rituellen Akt wird der Staat gegründet. Ein kreisender Kelch mit Traubensaft, aus dem Herzen unseres neuen Staates soll den neuen Staat besiegeln. Ein Schluck auf die Erde, damit der neue Boden uns Glück und Frieden bringt, ein Schluck für jeden, der nun zum neuen Staat gehört, zusammen mit einem abschließendem Wort, den anderen mit auf den Weg gegeben.

Die Gründung des gemeinsamen Staates ist mit der Verabschiedung der Verfassung des neuen Staates vollzogen. Alle Schüler bekräftigen ihre Verfassung mit ihren Unterschriften. Zur Transfersicherung sollte die Verfassung einen Platz im Klassenzimmer bekommen. Lernverhalten und Umgang miteinander sowie mit den Lehrern sind in der Verfassung formuliert. Die Einhaltung des Regelwerkes überprüfen die Schüler selbst durch z. B. das Bodysystem.

Die Regeln sind im Prozess der Staatsgründung von den Teilnehmern entwickelt worden. Selbst geschaffene Regeln lassen sich nach unserer Erfahrung besser einhalten und umsetzen als Umgangs- und Lernregeln, welche durch Schule diktiert werden.

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