Methodenkompendium: Demokratieerziehung an Schulen
Teil 2: Ansätze für soziales Lernen

Ansatz 2: Projekte zum handlungsorientierten Lernen – Nachnutzungsangebote

zum Start der Ansätze für soziales Lernen
Projekttage zu Themen des globalen und sozialen Lernens
Projekte zum handlungsorientierten Lernen
So ein Theater mit der Demokratie - Forumtheater
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Projekte zum handlungsorientierten Lernen

Soziale Problemlösung – Zukunftswerkstatt

Zukunftswerkstätten sind Orte sozialer Problemlösung en. Wir gehen davon aus, dass Menschen in der Lage sind, für die sie betreffenden Probleme Lösungen zu finden, die Expertenlösungen überlegen sein können, da sie die vielfältigen Facetten eines Problems beinhalten und den Lebensalltag umfassend abbilden. Einfache Lösungen, die z. B. das Verhalten betreffen, können komplexen technischen Lösungen entgegenstehen. Meist liegen Lösungsvorschläge eher auf der sozialen als auf der technischen Ebene: sie zielen auf verstärkte direkte Kommunikation, Selbstgestaltung und Demokratisierung.

Die Zukunftswerkstatt ist ein Forum, in dem sich Interessierte und vor allem Betroffene bemühen, wünschbare, mögliche, aber auch unmögliche Zukünfte zu entwerfen, Durchsetzungschancen zu prüfen sowie mögliche Wege zu finden. Das Ziel der Werkstattarbeit ist, dass die Teilnehmer in die Lage versetzt werden, für ihre Probleme und beklagten Missstände bisher nicht gesehene Hilfs- und Lösungsmöglichkeiten zu entdecken, sie kritisch zu prüfen und dann auch aktiv umzusetzen.

Im 'Zusammenwerken' wird auf die Einzelne, den Einzelnen vertraut, die zugleich erfahren, dass sie mit ihrer Wahrnehmung nicht allein stehen und durchaus über große Ziele mitreden können, dass auch ihre Erfahrungen und die daraus erwachsenden Vorschläge für die Gestaltung der Zukunft bedeutsam sind. Alle Teilnehmer werden als 'Experten' in eigener Sache anerkannt; ihre Erfahrungen in Alltag und Beruf zählen ebenso wie ihr Wissensschatz, ihre Kenntnisse und Lebensweisheit, ihre Empfindungen.

Durch das Vertrauen auf die Kompetenz der Einzelnen und das gleichberechtigte Miteinanderumgehen ist die Arbeit in Werkstätten grundlegend demokratisch organisiert. So bewirkt das kollektive Bemühen um Alternativen bei den Teilnehmern oft ein Umdenken und Augenöffnen. Die vorbehaltlose Arbeitsweise ermöglicht die Zusammenarbeit von Menschen unterschiedlicher Vorbildung und Berufstätigkeit.

Die Anfänge dieser Suche nach neuen Formen breiter Beteiligung an Planung und Gestaltung von Zukunft reichen bis in die Mitte der 60er Jahre zurück. Damals erkannten sozial-engagierte Zukunftsforscher wie Dennis Gabor, Hasan Ozbekhan und Robert Jungk, dass das Aussehen der Welt von Morgen einseitig vereinnahmt wurde: durch Wirtschaft und Industrie, Militär und Staat, Parteien und Regierung. In Denkfabriken (Think Tanks) oder Zukunftsforschungsinstituten ließen sich Interessengruppen nicht nur eine ihnen genehme Zukunft entwerfen, sondern sie gingen auch daran, sie in ihrem Sinne zu beeinflussen. Es wurde offensichtlich, dass Wissen um die Möglichkeiten der Zukunft Macht bedeutet. In seinem Aufsatz 'Die Zukunft ist schon besetzt' folgerte Robert Jungk: Die Übervorteilten, in der Tat die große Mehrheit in der Gesellschaft, müssten ihren Einfallsreichtum gegen die von 'oben' vorgegebene Zukunft setzen; sie sollten ihr demokratisches Recht auf Mitgestaltung der eigenen Zukunft wahrnehmen; sie hätten sich durch Gegenentwürfe Gehör mit ihren Anliegen zu verschaffen. Derartige Forderungen waren Ausgangspunkt für Robert Jungks Experimente zu sozialer Fantasie in Wien, in seinem 'Institut für Zukunftsfragen'. Er ging davon aus, dass gemeinsames Wünschen und Träumen, darauf aufbauend gemeinsames Erfinden und Entwickeln erstrebenswerter Zukünfte, Kräfte fördert, die schließlich auf Veränderung drängen.

Das Besondere sind nicht nur die eingesetzten kreativen Techniken, wenn diese auch zuerst ins Auge springen. Diese spielerische, kreative Ebene, die gemeinsame Arbeit in Kleingruppen wird mittels einer stringenten Struktur geordnet und zusammengeführt. Erst diese ermöglicht die Sicherung von Ergebnissen in dieser spielerischen Atmosphäre, erst diese erlaubt der Gruppe ein solches Arbeiten.

Als zentrale Kennzeichen für die Methode Zukunftswerkstatt bzw. für das Arbeiten in Zukunftswerkstätten lassen sich die folgenden zusammenfassen:

Es gibt mehrere Typen von Zukunftswerkstätten:

  1. Die Problemlösewerkstatt , die klassische Zukunftswerkstatt, verhilft einer festen Gruppe dazu, ein sie drängendes Problem zu lösen und wieder Handlungsfähigkeit zu erlangen.
  2. Die Lernwerkstatt dient der Auseinandersetzung mit dem Thema „Zukunft“. Dabei ergeben sich Unterthemen im Laufe des Werkstattprozesses, die dann jeweils vertieft werden können.
  3. Die Themenwerkstatt hilft beim Durchdringen eines für die Werkstattgruppe wenig oder nur teilweise bekannten Thema.

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Zukunftswerkstätten

„Mit Zukunftswerkstätten zu arbeiten ist eine Herausforderung und ein Geschenk in einem: Eine Herausforderung, weil die Teilnehmenden den Ton angeben und die Moderation sich inhaltlich zurückhält – und ein Geschenk, weil immer wieder Einfallsreichtum und Enthusiasmus von Werkstattgruppen faszinieren.“ 1 Allen Werkstätten gemeinsam ist stets die positive Erfahrung durch die Methode der Zukunftswerkstätten. Die kreative, teils spielerische Herangehensweise an komplexe Sachverhalte wird nicht nur von den Jüngeren als bereichernd für die gemeinsame Arbeit empfunden.

1 B. Kuhnt, N. R. Müllert; 1996

Methode und Wirkung

Aktivität, soziales Miteinander und kreative Problemlösung stehen im Mittelpunkt von Zukunftswerkstätten. Die Methode Zukunftswerkstatt wurde 1964 durch den Zukunfts- und Demokratieforscher Robert Jungk entwickelt. Zukunftswerkstätten sind methodische Instrumente, die die aktive Partizipation an der Gestaltung der eigenen und gemeinsamen Zukunft unterstützen. Die Methode schafft Raum, damit Menschen ihre Möglichkeiten und Chancen der Selbstbestimmung und Selbstorganisation wahrnehmen, Selbstwertgefühl erfahren und sich in ihrer Lage ernst genommen fühlen. Die Grundannahme für die Konzeption von Zukunftswerkstätten ist, dass in der Synergie von Gruppen ungeahnte Möglichkeiten stecken und das Vertrauen auf die in jedem Menschen schlummernden Kräfte, die eigene Zukunft selbst in die Hand nehmen zu können, wenn nur Chancen dafür geboten werden.

„Uns geht es darum, das Konzept Zukunftswerkstatt als Demokratisierungschance weiter zu verbreiten. Unsere Utopie: Zukunftswerkstätten in jeder Stadt und an jedem Ort, an dem gesellschaftliche Probleme auftauchen und Unmutsäußerungen hochkommen. Dort mit dem Werken zu beginnen, kann Kraft und Mut bei den Betroffenen fördern, sodass sie ihre Sache wirkliche anpacken – auch gegen Widerstände.“2

Anhand eines sozialen Sachstands (Probleme, Wünsche, ...) werden Zukunftsvisionen entworfen und auf ihre Umsetzbarkeit in die Realität überprüft. Die Zukunftswerkstatt dient als Instrument, um kooperatives Arbeiten und ganzheitliches Denken zu fördern. Sie hilft bei Problem- und Entscheidungsfindungen und entwickelt neue unkonventionelle Lösungen und Strategien. Ziel ist, Betroffene zu Beteiligten zu machen, indem die Erfahrungen und die Kreativität der Teilnehmenden produktiv genutzt werden. Zukunftswerkstätten setzen somit soziale und politische Fantasie frei und wollen Mut machen für eine kreative Zukunftsplanung und -gestaltung.

2 R. Jungk; 1988

Durchführung und Ablauf

Zur erfolgreichen Herangehensweise in einer Zukunftswerkstatt gehört, die Kräfte aller Beteiligten in einem intensiven und kreativen Gruppenprozess zu nutzen. Damit wird jeder Teilnehmer zum Experten aus eigener Betroffenheit heraus. Der Moderation obliegt die Aufgabe, die Arbeitsschritte abwechslungsreich, kreativ anregend und zielgerichtet zu strukturieren. Die Teilnehmenden werden zugunsten inhaltlicher Freiheit entlastet. Die Moderation trägt Sorge dafür, dass auch gegensätzliche Meinungen, unfertige Ideen und plurale Erfahrungshorizonte einfließen können. Zukunftswerkstätten werden im Verlauf visualisiert und deren Ergebnisse für die Teilnehmenden dokumentiert.

Zukunftswerkstätten folgen einem Drei-Phasen-Modell. Ziel ist es, durch zeitweiliges Fantasieren von der Realität so abzuheben, dass innovative und kreative Alternativen und Lösungsvorschläge entstehen können.

Eine ausführliche Kritik- und Beschwerdephase, in welcher der momentane Ist-Zustand geklärt wird, bildet den befreienden Einstieg, in welchem sich die Teilnehmenden von den sie bedrängenden und einengenden Fragen lösen. Sie erkennen, dass sie mit ihrer Kritik nicht allein stehen und gewinnen eine ganzheitliche Sicht auf den Gegenstand der Zukunftswerkstatt. Diese Bestandsaufnahme muss nicht ausschließlich negative Punkte erfassen, sondern ist vielmehr als gemeinsames Orientierungsmoment konzipiert, in welchem das Thema umfassend beschrieben wird und die Teilnehmenden sich damit vertraut machen.

Alle Ein- und Beschränkungen der Realität werden in der folgenden Fantasie- und Utopiephase außer Acht gelassen, so dass die Gruppe ihre ideale Vision entwerfen kann. Kennzeichen dieser Phase ist ungebundenes Wünschen, Träumen, Fantasieren und „Spinnen“. Gerade die bedingungslose Aufgabe aller realen Beschränkungen befördert oftmals undenkbare und sonst von vornherein ausgeschlossene Wege, Erfindungen und Sichten zu Tage. Hilfreich ist in dieser Phase die Arbeit mit Metaphern, die die Teilnehmenden themenorientiert in andere Zeiten und Räume entführen, um Fantasie und Utopie anzuregen.

Die dritte Phase holt die Teilnehmenden und ihre fantasievollen Ideen und Sichten zurück in die Realität. In der Verwirklichungs- und Praxisphase werden die Wünsche konsequent übersetzt und zu Lösungs- und Handlungsansätzen umgearbeitet. Die Realität wird aus einem anderen Blickwinkel erfasst und Handlungsperspektiven für durchführbare Projekte abgeleitet. Die Werkstatt endet mit der Formulierung erster Umsetzungsschritte sowie der Erstellung von Maßnahmeplänen.

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Einsatzspektrum und Werkstatttypen

Zukunftswerkstätten können in Abhängigkeit von Zielstellung und Thematik sondierenden, fachlich vertiefenden, praktischen oder programmatischen Charakter haben. Ebenso sind sie als isolierte Methode zu einem spezifischen Zeitpunkt einsetzbar, als auch in einem zusammenhängenden Prozess in Kombination mit anderen Verfahren, zur Entwicklung neuer Orientierungen und einer neuen Grundlage für die gemeinsame Arbeit.

Der Idealfall zur Anwendung von Zukunftswerkstätten ist die Bearbeitung einer fokussierten Problem- oder Fragestellung („Wie gestalten wir unsere Grundschule attraktiv für Schüler und Lehrer, für Musterstadt und den gesamten Kreis?“) mit einer Gruppe, die eine starke Betroffenheit und/oder hohe Veränderungsmotivation (rückläufige Schülerzahlen erreichen kritischen Moment/schlechtes Image) eint. Je konkreter und spezifischer Themen formuliert werden, desto wahrscheinlicher werden die Ergebnisse praktischen und umsetzbaren Charakter annehmen. Die Wahl unspezifischer, öffnender Themen führt zu einem stärker sondierenden Charakter der Zukunftswerkstatt.

Auch in der Durchführungszeit gibt es Variationen, die sich aus der Zielorientierung, der Zusammensetzung und Größe des Teilnehmerkreis, der Bedeutung im Prozess sowie der zur Verfügung stehenden Ressourcen bestimmen. Denkbar sind Kurzwerkstätten von 2-4 Stunden, Tages- und Zweitageswerkstätten und auch Wochenwerkstätten.

Zukunftswerkstätten entfalten vielfältige Möglichkeiten der Problembearbeitung3, die in Abhängigkeit zur Dauer der Werkstatt, zu Größe und Zusammensetzung des Teilnehmerkreises, zur Bindung der Teilnehmer an das Thema, zur Konkretheit des Themas sowie zur Zieldimension stehen.

„Zukunftswerkstätten [...] sind nur Werkzeuge, die der Entwicklung menschlicher Möglichkeiten dienen, sie sind keine neuen Instrumente der Lenkung, sondern Geburtshelfer einer Demokratie, die zwar oft versprochen und viel besprochen wurde, aber bisher noch nie und nirgendwo zu vollem Leben erwacht ist.“ 4

3 Vgl. B. Kuhnt, N. R. Müllert; 1996, S. 20, Problemdurchdringung, Problemlösehilfe,
Problemsensibilisierung, Problemberatung, Problemanriss, Problemlösungssuche

4 R. Jungk, N. R. Müllert, S. Geffers, A. Solle; 1990 In: B. Kuhnt, N. R. Müllert; 1996, S. 32

Mögliche Methoden

Vermisstenanzeige

Blindes Porträt – Kreuz und Quer

Paarinterview

Farbenkönig

Eisberg

Brainstorming

Rubrizieren

Marktplatz

Projektumriss

Dart-Scheibe

Standogramm

Blitzlicht

Maßnahmeplan

100 Tage Rückblick – Was ist bei uns passiert?

Kreativspiele

Ein roter Faden

Spaziergang durch den vergangenen Tag

 

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