Methodenkompendium: Demokratieerziehung an Schulen
Teil 1: Modulares Methodentraining für schüleraktives Lernen

Modul 2: Demokratisch sprechen – Urteile fällen – Thema 1 – Dilemma-Diskussion – Dilemmata für den Gemeinschaftskundeunterricht

zum Start des Modularen Methodentrainings für schüleraktives Lernen
Das Lernen beginnen
Demokratisch sprechen
Einen Handlungsablauf erarbeiten
Titelbild

Demokratisch Sprechen

Thema 1 – Dilemma-Diskussion

Dilemmata für den Gemeinschaftskundeunterricht

Wertkonflikte in der modernen Gesellschaft

Art des Dilemmas

Dimensionen

Beispiele

Ökologische Zielkonflikte

bewahren vs. verändern;

Wohlstand vs. Bescheidenheit;

Genuss vs. Verzicht;

tun vs. etwas lassen

Fall „Tagebau“

Fall „Straßenbau“

Zivilisationsdilemma

äußere Kontrolle vs. innere Kontrolle;

Vertrauen vs. Kontrolle

Fall „Todesstrafe“

Kulturelle Zielkonflikte

Universalismus vs. Differenz;

Modernität vs. Traditionalität;

Pluralismus vs. Zentralismus

Fall „Schächten“

Fall „Kopftuch“

Fall „Karikaturenstreit“

Sicherheitsdilemma

Sicherheit vs. Unsicherheit;

Sicherheit vs. Risiko;

Zuverlässigkeit vs. Experiment wagen;

Modernität vs. Traditionalität

Fall „Klonen“

Fall „Krieg“

Fall „Flugzeugabschuss“

Rationalitätsdilemma

Rationalismus vs. Emotionalität;

Zweckrationalität vs. Wertrationalität

Gemeinsinn vs. Eigensinn

Fall „Castortransporte“

Fall „Vaterschaftstest“

Beispiele

Menschen klonen – Darf die Wissenschaft was sie kann?

Situationsanalyse: Was ist?

 

Möglichkeitserörterung: Was ist möglich?

 

Urteilsbildung: Was soll sein?

vgl.: Galbrait & Jones, 1975, S. 21; dt. Version nach Mauermann, 1978, S. 198

In der Praxis hat sich gezeigt, dass die in der Literatur gebräuchliche Unterscheidung verschiedener Dilemmatypen eine analytische ist, die dabei hilft zu verstehen und zu differenzieren, jedoch nicht die Realität widerspiegelt. Für Schüler kann ein fiktives Dilemma hohen Realitätsgehalt haben, wenn es mit ihrer Lebenswelt verknüpft ist und als jederzeit möglich erscheint. Ein tatsächlich stattgefundenes Dilemma (z. B. Geschichte) kann als irreal empfunden werden, wenn keine Beziehung zur eigenen Welt gesehen oder hergestellt wird.

vgl.: S. Reinhardt, 1991

Arbeitsblatt – Menschen klonen – Darf die Wissenschaft was sie kann?

Pressefreiheit vs. religiöse Gebote

Zwei Schüler sitzen in der Mittagspause auf einer Bank im Hof und lesen ein Jugendmagazin. Zwischen Postern und Glitter-Tatoos zum Aufkleben finden die beiden auch einen Artikel über die Mohammed-Karikaturen. Abgebildet finden sie hierbei eine Karikatur, in welcher Mohamed einen stilisierten Turban aus Bomben trägt. Es wird außerdem recht ausführlich erklärt, dass diese Karikaturen erstmals im November 2005 in einer dänischen Boulevard-Zeitung erschienen sind. Interessanterweise nahm zum damaligen Zeitpunkt niemand Anstoß an diesen Zeichnungen. Erst als die Boulevard-Zeitung, enttäuscht über den geringen Nachhall, den ihre eigenen Karikaturen fanden, einen streng konservativen Interviewpartner aufforderte, diese Karikaturen zu verdammen, fanden sie weltweite Beachtung.

Das Jugendmagazin stellt, ganz abgesehen von der fragwürdigen Arbeitsmethode der Redakteure, in diesem Artikel die Frage, ob die Karikaturen unter den Schutz der Pressefreiheit fallen oder nicht.

Noch bevor sie den Artikel zu Ende gelesen haben, platzt einer der beiden Schüler heraus und sagt, dass Karikaturen ein Werkzeug der Presse seien, um aufzurütteln, zu überspitzen und zu appellieren. Und genau das tun ja diese Abbildungen.

Sein Mitschüler sieht das etwas anders. So gibt er zu bedenken, dass es auch im christlichen Kulturraum eine starke Tradition gibt, Gott nicht abzubilden. Grundlage dessen ist unter anderem Exodus 20 . 4, im welchem geschrieben steht, dass sich der Mensch „kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde“ machen soll. Und aus diesem Grund wäre ein Großteil der Christen ebenso entzürnt gewesen über die Karikaturen, die Gott verunglimpfen, wie es nun jüngst die Gläubigen des Islams waren. Wichtiger ist es doch, wie man mit den berechtigten Anliegen von Mitmenschen umginge. Und genau dieses Anliegen, das Verbot, den Propheten Mohammed in welcher Weise auch immer abzubilden, sei hier missachtet worden.

Sein Mitschüler gesteht ihm zu, dass es durchaus um Toleranz und Achtung der Gefühle anderer gehe, aber ein unwiderrufliches Bilderverbot gibt es im Islam genau so wenig wie in anderen Religionen. Und schon in frühislamischer Zeit habe sich ein Konsens gebildet, weder den Propheten Mohammed noch die Prophetengefährten bildlich darzustellen – auch nicht die vier ihm nachfolgenden „rechtgeleiteten“ Kalifen. Dieser Konsens habe sich zu einer generellen Ablehnung bildlicher Darstellung in der arabischen Welt entwickelt und erkläre die Vorliebe für Kalligrafie, für Schriftkunst, in den Moscheen. Warum also keine Karikaturen, fragt er seinen Mitschüler.

Weil sie gegen die Würde der Andersgläubigen gerichtet sind und daher ebenso gegen gesetzlich verankerte Grundrechte der Religionsfreiheit verstoßen, wie ein eventuelles Verbot der Karikaturen gegen die Pressefreiheit verstoßen würden. Und da die Würde des Menschen laut Grundgesetz Artikel 1 unantastbar ist, wiegt dieses Interesse schwerer als das der Karikaturenzeichner auf freie Meinungsäußerung. Zumal es ja nicht um ein Verbot der Karikaturen gehe, sondern einzig und allein um die Bitte der islamischen Glaubensgemeinschaft, solcherlei Abbildungen zu unterlassen. Warum kann man also einer Bitte, die auf rechtlich verankerten Werten beruht, nicht entsprechen?

Wie würdest Du dich entscheiden? Ist es wichtiger, eine starke und bisweilen unbequeme Presse zu haben, oder auf die religiösen Bedenken von Mitmenschen zu achten?

 

Arbeitsblatt – Pressefreiheit vs. religiöse Gebote

zurück