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SSG-Sprinter in Findungsphase
Schwimmer Serghei Golban kämpft um Weltspitze, Staatsbürgerschaft und Konzentrationsfähigkeit
Der vielseitige Sportgymnasiast Serghei Golban hat im
Schmetterlings-Sprint ebenso Stärken wie im Rücken- und
Freistilschwimmen. Foto: Daniel Kaiser
Serghei Golban hat erstmals den KSW-Sprintcup des 22.
internationalen DHfK-Schwimmfestes gewonnen. Der 18-Jährige setzte sich
im wichtigsten Herrenwettbewerb in der Uni-Schwimmhalle mit einer
Hundertstel Sekunde Vorsprung gegen den WM-Teilnehmer Martin Verner aus
Tschechien durch. Laut Trainerin Eva Herbst ist das SSG-Talent auf gutem
Weg in die Weltspitze. Bislang kämpft der Schüler des Sportgymnasiums
vor allem mit der Ausländerbehörde und seiner mangelnden
Konzentrationsfähigkeit.
Die erste Standortbestimmung des Trainingsjahres bringt
erfahrungsgemäß Erleuchtung. Trainerin Eva Herbst hatte jede Menge
auszuwerten, signalisierte überwiegend positive Erkenntnisse. Die gute
Leistung des Sprintcup-Siegers Golban überraschte sie nicht. Der
18-Jährige glänzte über 50 m Freistil vor allem dank seiner perfekten
Tauchphase. Es ist die Stärke des gebürtigen Moldawiers, der seit vier
Jahren in Deutschland lebt und am Wochenende zehn Starts absolvierte. Er
nutzte die Abwesenheit seines langjährigen WG-Kumpels Stefan Herbst,
der einen kleinen Infekt auskurierte, aber beim Weltcup in zwei Wochen
in Berlin in die Saison einsteigt.
Eva Herbst sieht in Golban ein "Riesen-Talent", aber auch jede Menge
Nachhol-Bedarf an intensivem Training. Kritikpunkte: Schlechte Atmung,
fehlender Siegeswille auf der Zielgeraden, mangelnde Kaltschnäuzigkeit
und Konzentrationsfähigkeit. Beispiel: Im Rücken-Vorlauf springt Golban
am Startbereich mit einer Bombe ins Wasser. "So etwas macht ein Profi
nicht", rügt Herbst. Sie verlangt seine "naive Lockerheit" nicht am
Beckenrand, sondern im Wasser.
Gelungen ist Golban all das im Sprintcup-Finale. Lag womöglich an der
zusätzlichen Motivation von (für den Schwimmsport exorbitanten) 300 Euro
Preisgeld? "Ja. Auch ein wenig", gab er zu, "ich wollte unbedingt
gewinnen." Über das Achtel-, Viertel- und Halbfinale hatte sich der
SSG-Sprinter mit je nur dreiminütiger Pause ins Duell gegen Verner
gearbeitet. Die Muskeln brannten, die Knie zitterten. "Es tat alles
weh", gestand Golban. Genau vor solchen Momenten hat er Angst, wird
angesichts dieser Tatsache von seiner Trainerin öfters "Weichei"
genannt. "Da gebe ich meistens auf." Diesmal nicht. Mit Unnachgiebigkeit
peitschte sich der Leipziger durch die Bahn, schlug mit dem
Wimpernschlag von einer Hundertstel Vorsprung an und freute sich über
den Heimsieg beim DHfK-Schwimmfest.
Für Eva Herbst ist der Erfolg der erste Schritt in die richtige
Richtung. Auf welchen Strecken der Allrounder künftig ins internationale
Geschehen eingreifen soll, ist noch offen: "Wir sind noch in der
Findungsphase. Er hat viele Möglichkeiten." Bei den deutschen
Kurzbahn-Meisterschaften im November in Wuppertal will Golban über 100 m
Rücken eine Medaille erschwimmen - zuvor stehen zähe Behördengänge an.
Derzeit wartet er mit seiner Anwältin auf einen Termin bei der
Ausländerbehörde und die deutsche Staatsbürgerschaft.
"Ich stehe vor einem entscheidenden Schritt in meiner Karriere", sagt
der Sportgymnasiast, der für sein Heimatland an mehreren Welt- und
Europameisterschaften teilgenommen hat und mit der SSG-Staffel deutscher
Meister ist. Sein Traum lautet Profisportler. Für dieses Ziel möchte er
seine psychischen Probleme im Wasser mit Hilfe eines Mentaltrainers in
den Griff bekommen. Ob er in Deutschland bleibt, ist allerdings offen.
Ein Stipendium in den USA, wo er auf einem Collage trainieren könnte,
steht im Raum. "Serghei muss sich für den besten Weg entscheiden", sagt
Eva Herbst, die ihn gern in ihrer Obhut behalten würde. Denn: "Ein
solches Talent gibt man nur ungern aus der Hand."
Daniel Kaiser
Quelle: LVZ, 11. Oktober 2010
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