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05.04.2012 - La Petite France - zwischen Fachwerk und Syphilis
Eine Reportage von Thomas Zehe Deutsch LK 11, zur Kursfahrt vom 05.03-09.03.12
Erwartungen an die kulturelle Landschaft Straßburgs
Goethe studierte 1770/71 hier und in dieser Zeit wurde Straßburg wohl auch ein Knotenpunkt für die literarische Gattung Sturm und Drang.
Dem entsprechen sind meine Erwartungen sehr hoch an die Kulturelle Landschaft Straßburgs.
Das Münster ist eine der schönsten Kathedralen der Gotik in Europa und der Münsterplatz zählt zu den schönsten europäischen Stadtplätzen.
Auf meiner Reise nach Straßburg werde ich jedoch das Franzosen- Viertel „ La Petite France“ untersuchen.
Ich werde versuchen Antworten auf die Fragen zu finden: Welche Sehenswürdigkeiten sind dort zu finden? Welche Menschen leben dort?
Was macht diesen Ort so besonders und: welche Bedeutung spielt der Name dabei?
Ich bin sehr gespannt, freue mich schon sehr auf das Abenteuer, in einer fremden Stadt, mit nur geringen Sprachkenntnissen Antworten zu finden.
Zwischen Fachwerk und Syphilis
Das dröhnende Gelächter einer deutschen Touristengruppe lässt mich von meiner Zeitung aufblicken.
„OSZE-Wahl in Russland war weder frei noch fair“, titelt die Straßburger Tageszeitung
„Dernières Nouvelles d'Alsace“ am 06.03, welche es auch in deutscher Ausgabe gibt.
Der Kaffe ist ein wenig zu stark, der Sessel hingegen angenehm bequem.
Mich überkommt in dem Moment ein Gefühl von Heimat. Dies liegt wohl mehr daran, dass das Straßburger
„ Pauls“ mehr an eine Lukas-Bäcker- Filiale erinnert als an ein Pariser „ Les Deux.“
„Est-ce que vous voudrez encore quelquechose?“
„Die Rechnung bitte.“
Ihr designierter Blick verrät eindeutig: ´Wieder ein deutscher Tourist´.
Ein Blick auf die Uhr, noch fünf Minuten bis zum Treff.
„Stimmt so.“
„Merci“
„Au revoir!“
Die deutsche Touristengruppe verlässt nun das „ Pauls“. Durch ihre Unterhaltung erfahre ich, dass sie denselben Ort wie ich anstreben.
Dass ich die Schülergruppe verlassen habe, kommt mich nun teuer zu stehen, doch der Drang danach, das Unbekannte selbst zu erkunden,
ist wohl größer als die Furcht verloren zu gehen.
Mit einem Baguette in der Tasche hänge ich mich an die Fährten der kleinen Gruppe.
Vorbei am „Münster“ und quer über den „Kléberplatz“. Nun kann man es schon deutlich erkennen.
Welch phänomenaler Blick auf das ehemalige Fischer- und Gerberviertel:
„La Petite France – Klein Frankreich.“
„Willkommen im wohl charmantesten Stadtviertel, das Straßburg seinen Touristen zu bieten hat.“
Unsere Führung beginnt an der „Rue du Bain-aux-Plantes“),
der Hauptstraße des Viertels. Das strahlend schöne Wetter lässt die Silhouette der Fachwerkhäuser
im Fluss Ill reflektieren. Dabei verläuft dieser quer durch das gesamte Viertel und verstärkt den idyllischen Charme der Stadtlandschaft.
Müsste man diesen Anblick mit einem Wort beschreiben, mir würde wohl keins dafür einfallen.
„In den Fachwerkhäusern finden sich oft Restaurants, welche gerade durch ihr ansprechendes Ambiente überzeugen.“
In diesen Situationen merke ich immer wieder, wie sehr ich doch Stadtführungen abgeneigt bin.
Lautmalerei und Informationen aus dem Reiseführer sind nicht das, was mich gerade interessiert.
An der „Barrage Vauban“, einem grasbewachsenem Wehr, halte ich. Die Luft ist kühl,
und das rege Treiben der historischen Altstadt lässt mich einen Moment innehalten.
Auf dem Dach des „ Barrage Vauban“ hat man einen guten Überblick über das gesamte Franzosenviertel.
Wieso nennt man den Ort eigentlich Franzosenviertel?
Ein Turm am anderen Ende des Wehrs weckt mein Interesse. Es scheint eine Art Festungsturm zu sein.
Jedoch gibt das kleine Info-Blatt, welches ich bei mir trage, keine Auskunft darüber. Ein kurzer Blick nach hinten.
Schnell realisiere ich, dass ich meine Gruppe wieder aus den Augen verloren habe. Am Fuße des Wehrs treffe ich auf einen elegant gekleideten jungen Mann,
bei welchem ich mich versuche nach dem Weg zu erkundigen.
„Excuse me, do you speak English?“
„Just a little bit, but German and French much better.”
“ Das ist schön zu hören, ich habe meine Gruppe verloren und suche nun den Weg zurück zum Tourismuscenter.“
“ Wenn Sie wünschen, kann ich Ihnen den Weg dorthin zeigen. Ich muss in dieselbe Richtung.“
Nach dem Treffen mit Manuelle, einem 23 jährigen, deutsch-französischen Architektur-Studenten der Universität Straßburg, versuche ich einen Weg aus der misslichen Lage zu finden.
„ Wissen Sie, was das da drüben für Türme sind?“ „ Den da drüben meinen Sie? Dies sind die Festungstürme, wir nennen sie „ Ponts Converts“.
Früher verliefen hier die Grenzen zwischen Stadt und Umland.“ „Schräg gegenüber befindet sich die „Maison des Tanneurs“, das Gerberhaus.
Dort gibt es sehr gutes Sauerkraut.“- Gelächter.
Unsere Exkursion verläuft durch die engen Gassen des Petite France, eine kleine Brücke bringt uns direkt auf die andere Seite des Viertels.
„Zeitweise fotografiere ich die Fachwerkhäuser am Fluss, für mein Studium. Sie scheinen wie ins Wasser gebaut.“
„ Das hat schon was von Venedig.“
Wieder Gelächter.
Die Wasserspiegelungen bildeten schöne Motive für Fotografien und nach einer Weile des Schweigens, schießt mir meine Frage wieder in den Kopf.
„ Wieso nennt man dieses Viertel eigentlich Franzosenviertel?“ „Du wirst lachen, wenn ich dir das erzähle. Früher gab es hier ein Krankenhaus
´Blatterhüs´. Dort wurden Leute behandelt, welche an der „Franzosenkrankheit“ litten, also Syphilis.“
Mit dieser Erkenntnis bestreite ich nun meinen Rückweg weiter allein.
Am Kléberplatz angekommen nutze ich meine restliche Freizeit dafür, die vergangenen Geschehnisse zu reflektieren.
Ein plötzlicher Heißhunger überkommt mich und leitet meine Schritte geradewegs in eine „ Pauls-Filiale“.
„Bonjour monsieur, qu´est-ce que je peux vous apportler?“
„ J´aimerais un cafe et un croissant, sil-vous plaît.“,
lese ich von meiner Übersetzungsapplikation auf meinem Handy ab.
„ Manuelle Chatelier“ möchte mit Ihnen befreundet sein,
sagt mir Facebook.
Ein kurzes Lächeln.
„ Voilà, votre café, monsieur.“
„Merci, danke."
In diesem Moment überkommt mich ein Gefühl von Heimat, aber soweit war ich schon.
Es ist das Gefühl an einem fremden Ort zu sein,
ohne die Sprache zu sprechen und sich trotzdem heimisch zu fühlen,
egal aus welchem Grund. Das „Petite France“
ist nicht nur ein historisches Gerberviertel und Touristenmagnet.
Es ist viel mehr ein Ort voller Farben und Menschen.
Nichts wirkt dort statisch,
egal ob die fließende Ill oder die Tumulte in den engen Gassen.
Nichts bleibt von der Dynamik unberührt. Ein Ort voller Gegensätzlichkeit.
Ein Ort des Rausches und gleichzeitig der Reinheit.
Wenn ich diesen Ort mit einem Wort beschreiben müsste,
ich könnte es nicht. Aber in einem Satz würde ich sagen:
La Petite France, ce´est un lieu de trouver et d´être trouvé
(La Petite France, ist ein Ort des Findens und Gefunden Werdens)
Begriffserklärungen:
Barrage Vauban
Heute ist er einer der meistbesuchten Orte der Stadt,
denn vom grasbedeckten Dach aus hat man den schönsten Blick auf die Ponts Couverts.
La Petite France:
War früher ein unbeliebter und finsterer Stadtteil.
Die Häute und Felle, welche die Gerber aufhängten,
verbreiteten einen üblen Geruch, den viele Straßburger mieden.
Im Mittelalter fanden hier Gauner,
Banditen Unterschlupf und angeblich wurden hier viele dunkle Geschäfte
gemacht - auch ein reges Rotlichtmilieu soll hier gewesen sein.